Etwas Spannendes für den Strand?
Crete, Griechenland, 7/2007
Michális, der Chef im Shop des Agapi Beach Hotels vor den Toren Heraklions, hat besseres auf Lager als Grisham, King oder Donna Leon. Zwischen randvoll gefüllten Regalen mit Sonnenöl, internationaler Presse und allerlei Souvenir-Nippes hütet er einen literarischen Schatz der besonderen Art: Ein paar angestaubte Reclam-Ausgaben von Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums". „Da ist einfach alles drin", schwärmt Michális mit unüberhörbar fränkischem Akzent, seinem Andenken an zehn Jahre in Nürnberg. „Liebe, Verrat, Drama, Fantasy und vor allem eines: Kreta".Recht hat er.
Denn wenn überhaupt ein realer Ort existiert, an dem sich griechische Mythen festmachen lassen, so ist es megali nisos, die „große Insel", wie die Kreter selbst gerne ihre Heimat nennen. So ist es kein geringerer als Zeus selbst, der in der Idäischen Höhle seine göttliche Kindheit verbrachte. Heute ist die Höhle im zentralen Nida-Hochplateau einer von vielen Pflicht-Anlaufpunkten für den klassisch gebildeten Kreta-Besucher. Oder Mátala, einst beliebter Hippie- und Aussteiger-Treff an der Südküste, heute ein turbulenter Urlaubsort wie viele andere rund ums Mittelmeer: Am Sandstrand unterhalb der steinzeitlichen Wohnhöhlen in den Klippen soll der liebestolle Göttervater in Gestalt eines Stiers mit der aus Afrika entführten Königstochter Europa an Land gegangen sein; ein paar Kilometer weiter steht bei Gortis jene legendäre Platane, in derem Schatten Zeus mit Europa den Sohn Minos zeugte.
Dieser wurde später zum ersten Herrscher über Kreta und das gesamte östliche Mittelmeer - ein göttliches Schäferstündchen als Metapher für den Beginn der Alten Welt und ihrer Zivilisation.Nicht auf dem Rücken von Stieren, sondern ganz profan per Charterflug erreichen die meisten der jährlich rund 300.000 deutschen Besucher Kreta. Heraklion, wichtigster Zielflughafen und Inselhauptstadt, bietet dem Auge auf den ersten Blick kaum Halt: Gesichtslose Zweckbauten, Stahlbeton und der hektische Straßenverkehr lassen zunächst keinerlei Ferienstimmung zu. Dabei ist Heraklion besser als sein Image. Spätestens bei Sonnenuntergang verwandelt sich die Platia Venizelou mit dem von steinernen Löwen bewachten Morosini-Springbrunnen in ein einziges Open-Air-Café. Nebenan, in der handtuchschmalen Odos 1866 herrscht tagsüber merkantiles Treiben in Basars, Läden und kleinen Handwerksbetrieben.
Und schließlich das Archäologische Museum, dessen umfassende Schau minoischer Fresken, Amulette und Kultgegenstände allein den Verzicht auf einen Strandtag wert sein sollte. Direkt ins Herz der Antike führt die südliche Ausfallstraße von Heraklion: Die teils rekonstruierte Palastanlage von Knossos belegt, auf welch hohem zivilisatorischem Niveau die Ur-Kreter vor gut 4000 Jahren lebten. Die Besiedlung der Insel hatte schon 6500 v. Chr. von Kleinasien und Nordafrika her begonnen, ab ca. 2500 v. Chr. entwickelte sich die minoische Kultur zum ersten funktionierenden Staatswesen und damit zur zur Wiege Europas. Eher wie die Badewanne Europas wirkt heute die beinahe durchgehende Strand- und Amüsiermeile östlich Heraklions: Goúves, Mália, Ágios Nikolaos und vor allem Chersónissos heißen die Epizentren des puren Massentourismus.
Schlimmste Ballermann-Alpträume werden wahr, und wenn es auf den Restaurant-Terrassen am Abend nicht gerade nach Tzatziki und griechischem Barbecue duftete, könnte man sich ebenso gut irgendwo in El Arenal, Lloret oder Rimini wähnen. Immerhin: Show-Time ist in der Saison rund um die Uhr angesagt, und wem ohne Animation, Happy Hour und Disko langweilig wird, ist hier garantiert gut aufgehoben.„Echt", „ursprünglich", „unverdorben": Wenn Reiseführer-Autoren mit solchen und ähnlichen Prädikaten aufwarten, ist meist Skepsis angebracht. Aber die Inselmitte und zum großen Teil auch die Südküste am lybischen Meer rechtfertigt in der Tat die Wortwahl. Von Rethimnon, der mediterran umtriebigen Hafenstadt und Tourismus-Hochburg, führt die Landstraße in steilen Kehren rasch hinauf in die Sfakia. Diese raue Bergwelt zwischen 2400 Meter hohen Gipfeln, die bis in den Juni hinein schneebedeckt sind, wirkt wie der Gegenentwurf zur dicht besiedelten, lebensfrohen Nordküste. Viel blanker Fels, mehr Ziegen als Menschen und in sich gekehrte weiße Dörfer bestimmen hier die Szenerie.
In winzigen Kafenións lassen stoppelbärtige Männer in schwarz die Nachmittagshitze über sich ergehen; ihre markanten Gesichter lassen unwillkürlich an Hollywoods berühmtesten Kreter Alexis Sorbas denken. Gestört wird die Ruhe der Sfakia lediglich durch den allmorgendlichen Aufmarsch der Schluchten-Wanderer, die bei Sonnenaufgang per Reisebus nach Aradena, Imbros und vor allem in den Nationalpark Samaria aufbrechen. Die Trekking-Karawane folgt dort einem bis zu 100 Meter tief eingeschnittenen, üppig grünen Cañon bis hinunter zur Südküste; stellenweise wird die Klamm so eng, dass man beinahe die Felswände mit ausgestreckten Armen berühren kann. Am Ende der schweißtreibenden Tour entschädigen die Strände zwischen Chora Sfakion, Frangokastello und den Dünen von Plakias für die Strapazen. Bei organisierten Ausflügen steht häufig auch der Abstecher zum Kloster Moni Preveli auf dem Programm.
Hoch über der nackten Steilküste, wo nur noch Himmel und Meer Kreta von Afrika trennen, haben sich die Mönche eine kleine Oase mit Terrassengärten und lichten Höfen geschaffen. Insgesamt mehr als 1000 Klöster, Kapellen und Kirchen im byzantinischen Stil gibt es auf der Insel; während der Besatzung durch die Türken (1645-1898) waren es gerade die orthodoxen Popen in den entlegenen Bergregionen, die den Widerstand gegen die Invasoren trugen. Ihre Spuren haben auch andere Besatzer auf Kreta hinterlassen. „Chaniá ist noch immer Venedigs kleine Schwester", so Historiker Tony Fennymore, der die alte Kapitale Kretas kennt wie kein zweiter und auf Rundgängen interessierten Besuchern das multikulturelle Erbe der 70000-Einwohner-Stadt näher bringt. Von 1204 bis 1645 war die Insel venezianisch; die Palazzi und Patrizierhäuser rund um den Hafen wirken, als seien sie direkt vom Canal Grande hierher versetzt worden.
Die Türken steuerten dazu später Minarette, Moscheen und mit Holzerkern geschmückte Fassaden bei, während die mindestens 4000jährigen Grundmauern Chaniás noch auf Römer, Mykener und Minoer zurückgehen. Deutsche Bomben legten Kretas schönste Stadt 1941 in Schutt und Asche, der Wiederaufbau der verwinkelten Altstadt dauerte Jahrzehnte. Den zahllosen friedlichen Invasoren von heute, Pauschaltouristen aus Manchester, Mailand oder München, ist es recht. Alle lieben sie Chaniá, wegen der prächtigen Hafenpromenade, wegen der urigen Tavernen, der vielen kleinen Künstlerateliers, wegen der romantischen Hotels in schmalen Altstadtgassen. Nur die Einheimischen erkennen in der Saison „ihr" Chaniá manchmal nicht mehr wieder. „Ja, das Erbe Venedigs!", spottet Fennymore. „Genauso überlaufen, ebenso viel Kommerz und Kitsch."
Erfreulich, dass wenigstens an den Stränden im äußersten Westen immer genug Platz bleibt: Das stille Falássarna zum Beispiel, mit seinem sanft rosafarben schimmernden Sand und dem fast unwirklich türkisfarbenen Fluten, erreicht man von Chaniá in einer guten Autostunde. Über den Berghängen, die hier fast bis zum Meer reichen, lassen sich Gleitschirmpiloten am späten Nachmittag gerne stundenlang vom Aufwind treiben. Gustav Schwab, dem Sagen-Sammler, hätte der Anblick gefallen: Dädalos und Ikaros, die mythischen Überflieger der Antike, starteten ihren ersten Flug schließlich ebenfalls auf Kreta.
Bearbeitet Thu, 04 Oct 2007 18:04:32 GMT
