Tropisches Argentinien
Land der großen Wasser Iguazú kennt jeder. Aber auch das kaum besuchte Hinterland der weltberühmten Wasserfälle ist eine eigene Reise wert: Tropische Natur, koloniales Kulturerbe und attraktive Städte machen den Nordosten des Pampa-Staates zu einem echten Tipp für Liebhaber Lateinamerikas. Trekpilots folgte dem Río Paraná stromaufwärts.
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Goretex ist gut...
Colonia Carlos Pellegrini, Argentinien
Goretex ist gut. Aber Gummi wäre jetzt besser. Während in meinen sündteuren Trekking-Tretern bereits bei jeder Bewegung das Wasser zwischen den Zehen quietscht, gehen meine beiden Angler-Kameraden Guillermo und Gregorio in ihren Gummistiefeln und Wachsjacken seelenruhig und trockenen Fußes ihrer Arbeit nach. Irgendwie schaffen sie es sogar zu rauchen, obwohl es schüttet, als stünde die nächste Sintflut kurz bevor. No pasa nada, sagen sie bloß, „macht doch nichts, so lange nur die Fischchen anbeißen". Fischchen?! Zwei Dorados, Fluss-Goldbrassen, haben wir schon an Bord unserer glitschnassen lancha gehievt, jede ist fast einen Meter lang und wiegt knapp 18kg, wie Guillermo mit Kennerblick schätzt. Die erste, die ausgerechnet bei mir, dem blutigen Anfänger, angebissen hat, kämpfte fast eine Stunde lang um jeden Zentimeter Schnur - ich weiß nun, woher der Ausdruck „Sportfischen" kommt. El Tigre del Río Paraná nennen die Argentinier den Dorado wegen dessen ungeheurer Kraft. Exemplare von 25kg Lebendgewicht sind nicht selten. Unglaubliche 70kg kann gar der surubí, eine Wels-Art, auf die Waage bringen. Paso de la Patria heißt das Traumziel der Petrijünger am Río Paraná, rund 1200km flussaufwärts von Buenos Aires, wo der Río Paraguay sich in den Paraná ergießt. Eines der letzten unberührten Feuchtgebiete im Herzen Südamerikas dehnt sich gleich südlich des gigantischen Stauwerkes Yacyretá aus: Die Esteros de Iberá, ein früherer Ableger des Río Paraná, der sich irgendwann einfach verselbständigte, mit rund 19000km² Fläche etwa so groß wie Rheinland-Pfalz. Der amphibische Irrgarten aus Riesenseerosen, natürlichen Kanälen und sumpfigen Weiden beheimatet über 350 Vogel-, 80 Säugetier- und 45 Reptilienarten.
Basislager für Touren und Fotosafaris ist die Siedlung Colonia Pellegrini, ein apathisch vor sich hindämmerndes Städtchen mit ungeteerten Gassen im Schachbrettmuster, Adobe-Häusern und rund 900 Einwohnern, die von der Viehzucht auf den umliegenden Rinder-Estancias der Provinz Corrientes leben. Dr. Pedro Perea Muñoz, Veterinär und Vorsitzender der Naturschutz-Initiative „Amigos de los Esteros", kennt das einzigartige Ökosystem wie seine Westentasche. Per Motorboot und zu Fuß durchstreifen wir stundenlang die Wildnis. Ganze Herden der stumpfnasigen Wasserschweine nehmen vor dem Boot Reißaus, owohl sie vor uns weniger zu befürchten haben als vor den yacarés, den Alligatoren, oder vor der bis zu 9 Meter langen Anakonda. In der feuchtheißen Luft liegt ein Geruch von Torf und nasser Erde; Papageien und Brüllaffen veranstalten exotische Singspiele. ¡Cuidado! Warnt der Doktor, „Pass auf, wohin du trittst!" Auf den Moos-Inseln der Esteros, die wie riesige Schwämme auf den Lagunen treiben, kann man zwar durchaus spazieren gehen, aber eben auch ganz unvermittelt tief einsinken - einmal mehr hole ich mir hier nasse Füße.
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Bearbeitet Thu, 04 Oct 2007 17:11:48 GMT
In der Millionen-Metropole
Buenos Aires, Argentinien
Zurück in die Zivilisation: Fast alle Inlandsflüge führen zwangsläufig über Buenos Aires, die 14-Millionen-Metropole am Río de la Plata; ideale Gelegenheit also für ein urbanes Kontrastprogramm. Maßlos und amorph wirkt die Stadt auf den ersten Blick mit ihren 100000 Straßenblocks und einem 4000 Km² weiten Häusermeer. „Es heißt, Buenos Aires sei gegründet worden", schrieb der Nationaldichter Jorge Luis Borges, „mir will scheinen, dass es schon immer existierte, so wie Wasser und Luft". Mit Superlativen aller Art schmücken sich die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, ohnehin gerne. So gilt die Avenida Rivadavia mit 40 Km als längste innerstädtische Verkehrsader der Welt und die Avenida 9 de Julio mit dem riesigen Obelisken in seiner Mitte mit 140 m als breitester Boulevard. Und natürlich weiß jeder Taxifahrer, dass es nirgends rassigere Frauen, schneidigere Machos, bessere Autofahrer, größere Steaks und mehr Verkehrstote gibt als in der Capital Federal - die Liste der Rekorde ließe sich beliebig fortsetzen. Wo schlägt das Herz der Mega-Metropole? Am zugänglichsten ist der Asphaltdschungel, wenn man sich ihm von barrio zu barrio nähert. Statt einer einzigen Stadtmitte gibt es hier so viele Zentren wie Stadtteile, jeder mit eigenem Charakter. Etwa den alten Regierungs- und Geschäftsbezirk um die Plaza de Mayo und die autofreie Avenida Florida: Art-Nouveau-Kuppeln, antikisierende Säulen, Stuck-Arabesken und schmucke Erker stehen für die Gründerzeit um 1880, als Buenos Aires als „Paris Südamerikas" galt. Plüschige Kaffeehäuser wie das ehrwürdige „Tortoni" und die musealen Holz-Waggons der U-Bahn-Linie A wirken beinahe obsolet im alltäglichen Verkehrchaos. Spuren jenes Buenos Aires, wie man aus alten Tangos zu kennen glaubt, findet man auch im Viertel San Telmo: Kopfsteinpflaster, niedrige Patio-Häuser und ein nostalgischer sonntäglicher Flohmarkt samt Live-Auftritten von Tango-Tänzern auf der Plaza Dorrego ziehen Touristen in Scharen an. Ansonsten überwiegen im Stadtbild Glas und Stahl moderner Wohn- und Büroblocks; am Hafen sind in ehemaligen Kontoren und Lagerhallen postmoderne In-Bars und edle Restaurants eingezogen. Puerto Madero heißt diese Amüsiermeile der Porteños, wie sich die Einwohner von Buenos Aires selbst nennen. La Boca, das Hafenquartier an den südlichen Docks, ist dagegen das geblieben, was es schon immer war: Das Viertel der Italo-Argentinier, der Einwanderer, der Unterpriviligierten. So südländisch heiter die verschachtelten Wellblechhäuser am viel fotografierten Straßenzug El Caminito auch wirken mögen - hier leben diejenigen Porteños, die unter der permanenten Wirtschaftskrise am Río de la Plata am meisten zu leiden haben. In einer würdevoll heruntergekommenen Cantina direkt am Hafenbecken lauschen sie bei Pasta und Rotwein alten Liedern von verflossener Liebe, Sehnsucht und besseren Zeiten - so ähnlich könnte es gewesen sein, als vor 120 Jahren in La Boca der Tango entstand.
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Bearbeitet Thu, 04 Oct 2007 17:16:23 GMT
In den Norden Argentiniens
Posadas, Argentinien
Tags darauf geht es mit dem Flugzeug wieder in den äußersten Norden Argentiniens, ins Dreiländer-Eck mit Brasilien und Paraguay. Rund um Posadas, die brütend heiße Kapitale der Provinz Misiones, haben sich im 20. Jahrhundert zahlreiche Zuwanderer aus Europa niedergelassen. Farmacia Fuchs, Automotores Baldauf, Librería Seyfried: fremd klingen solche vertrauten Namen in den adretten Tropen-Städtchen Eldorado, Montecarlo und Puerto Rico. Relikte einer ganz anderen Welt tauchen nur ein paar Kilometer abseits der Hauptstraße auf: Die Ruinen der Jesuiten-Missionen Santa Ana, Loreto und vor allem von San Ignacio Miní. Obwohl von Kirche, Werkstätten und Schulen nur bizarre Fassadenteile im Regenwald erhalten sind, künden die Sandsteinmauern zwischen roter Erde und grünem Blätterdach von der einstigen Größe. Die „Gesellschaft Jesu" prägte das koloniale Südamerika entscheidend und vermochte der Conquista einige humane Züge zu verleihen, in dem sie den Ureinwohnern zumindest das Menschrecht einräumte, auf ihrem Terrain und nach ihrer Art weiter zu leben. „Jesuitentee", so hieß früher der Mate, jener grüne, bitter Tee, ohne den echte Argentinier keinen Tag überstehen würden. Wo immer mehr als zwei Einheimische beisammen stehen, kreist das obligate Mategefäß, entweder aus Horn, Kalebasse oder auch aus Silber gearbeitet. Der Rohstoff des vitaminreichen, anregenden Mate, Blätter und Stängel des Strauches Ilex paraguaiensis, stammt von Plantagen im Nordosten. Getrunken wird der Teesud durch die bombilla, ein silbernes Saugröhrchen mit Siebeinsatz. Auswärtige, werden sie zum Mate eingeladen, sollten gewisse Grundregeln kennen: Jeder in der Runde trinkt aus dem selben Gefäß, bis es leer ist. Dann gießt sein Besitzer (und nur der!) neu auf und gibt den Mate an den nächsten in der Reihe weiter. Wer genug hat, sagt schlicht gracias, aber niemals schon beim ersten Mal. Die schwersten Verfehlungen: Die bombilla anfassen, damit umrühren, das Mundstück abwischen oder gar hinein pusten - nur einem total ahnungslosen Gringo würde so etwas einfallen.
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Bearbeitet Thu, 04 Oct 2007 17:17:39 GMT
Das Naturspektakel
Cataratas del Iguazú, Argentinien
Grandioser Schlusspunkt einer jeden Argentinien-Reise: Las Cataratas - die Wasserfälle von Iguazú. Fünf Millionen Besucher zieht das Naturspektakel im Jahr an, der Umsatz in Hotels und Souvenirshops übersteigt locker das Wirtschaftsvolumen mancher mittlerer Industriestadt. Allem Kommerz und Trubel zum Trotz: Wer früh aufsteht und mit den ersten Bus von Puerto Iguazú in den Nationalpark nimmt, der hat Iguazú für ein paar Stunden fast für sich alleine. Mindestens zwei Übernachtungen sollte man schon einplanen: Den ersten Tag, um auf der argentinischen Seite hautnah Regenwald und Sprühnebel zu spüren; den zweiten, um von der brasilianischen Seite das großartige Gesamtpanorama über die „Teufelskehle" zu genießen, die spektakulärste Stelle der Kaskaden. Dass gerade ich zwei Tage erwische, an denen es schüttet wie aus Eimern, wundert mich schon fast nicht mehr. Drei Länder Südamerikas in 24 Stunden - der kleine Grenzverkehr macht es möglich. Bereits vom argentinischen Puerto Iguazú sieht man hinüber nach Brasilien, nördlich des Río Iguazú, und nach Paraguay, westlich des Paraná gelegen. Als „Latino-Hongkong" gilt Ciudad del Este, das bis 1989 nach dem paraguayischen Diktator Puerto Stroessner hieß. Ob Rolex-Imitate, Kameras, Computer frisch vom Lieferwagen oder gefärbtes Wasser in Chanel-Flakons - es gibt kaum etwas, was hier für Geld nicht zu bekommen wäre. Die laxen Zollkontrollen muss niemand fürchten, geht es doch um 15 Milliarden US$ Jahresumsatz, wie die Händler behaupten. Ich selbst werde dazu nicht viel beitragen - es sei denn, jemand verkauft mir endlich wasserdichte Stiefel...
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Bearbeitet Thu, 04 Oct 2007 17:19:05 GMT